Miko, dritte Woche, Fehlgeburt. 29.12.2017

Ich bin mit Schmerzen aufgewacht; ich habe leicht geblutet. Vermutlich eine Schmierblutung. ----- Ich bin wieder vor dem Wecker unserer neuen Mitbewohnerin wach geworden und hätte ihr diesen am liebsten ins Gesicht geworfen. Sie steht um halb sechs auf, raucht eine, setzt sich wieder aufs Bett und bleibt dort eine Dreiviertelstunde lang sitzen ohne etwas. Sie macht mich damit so aggressiv. „Ich brauche die Zeit morgens halt. Sonst muss ich mich so beeilen.“ „Es gibt erst um acht Uhr Frühstück. Und du brauchst im Bad nur zehn Minuten.“ Sie wusste nicht, was sie darauf antworten soll. „Ich brauche aber eine Stunde, um auf der Erde anzukommen.“ Für mich war das Gespräch damit beendet. So viel Ignoranz innerhalb eines kurzen Gespräches. Aber gut, viele sind ja genau deswegen hier. Ich finde trotzdem, dass man, wenn so etwas angesprochen wird, etwas Rücksicht nehmen sollte. ----- Wir sitzen in einer Art Halle und haben Bewegungstraining. Ich gebe mein bestes um die 1,5 Stunden zu überstehen. Die Schmerzen bringen mich noch um. Ich schwitze am ganzen Körper und habe das Gefühl, ich kippe gleich um. ------- „Ich brauche dringend einen Arzt.“ Ich stehe im Schwesternzimmer der Psychiatrie. Ich habe geschafft es auszuhalten, jetzt geht es mir aber noch schlechter. „Wofür denn?“ „Ich habe starke Unterleibschmerzen und halte es langsam wirklich nicht mehr aus.“ Nach einer halben Stunde, die mir ewig vorkam, kam ich dann zur Ärztin, die mir nur den Rat gegeben hat, ein wenig zu warten; es könnte ja meine Periode sein, die mir solche Schmerzen bereitet. -------- Der Oberarzt bittet mich zu einem Gespräch und verweist darauf, dass ich den Termin mit ihm um 14:30 vergessen habe. Scheiße. Jetzt gibt es bestimmt ärger. „Ihre Blutergebnisse sind da.“ Er hält inne und scheint zu überlegen, wie er seinen Satz am besten anfängt. „Möchten Sie es wissen?“ „Ich denke schon.“ „Ich habe Ihren Wert gesehen und war etwas verdutzt, also habe ich mich noch einmal mit der Gynäkologie in Verbindung gesetzt....“ Scheiße. „....die haben mir den Normalen hCG-Wert mitgeteilt, den jemand haben sollte, wenn er nicht schwanger ist.....“ Bitte sag es nicht. „... Ihr Wert ist deutlich darüber, was mir etwas Sorgen bereitet.“ Scheiße. Scheiße. Scheiße. Er sagt nichts mehr und ich merke, wie mir jegliche Farbe aus dem Gesicht läuft. Der Raum beginnt sich zu drehen und auf meinem Rücken bilden sich Schweißperlen. Ich muss hier raus. Ich muss an die Luft und der Frustration freien Lauf lassen. „Wissen Sie schon, was Sie jetzt machen müssen?“ „Ja. Abwarten. Ich soll im neuen Jahr einen neuen Schwangerschaftstest machen und den in der Gynäkologie abgeben. Dort leiten sie die weiteren Schritte ein – also die Suche nach der Abtreibungsklinik, die Belehrung und so.“ „Sind Sie sich denn sicher, dass Sie das Kind nicht behalten wollen? Viele überlegen es sich nach so einer Nachricht anders.“ „Nicht in meinem derzeitigen Zustand. Meine Mutter war auch krank und sie hat mir das Leben zur Hölle gemacht. Ich möchte nicht so sein wie sie.“ „Ich verstehe.“ ----- Die Zimmernachbarin, mit der ich mich gut verstehe, Mira, sieht mich besorgt an. „Gab es ärger?“ „Nein. Nur etwas.. komische Nachrichten.“ Ich verlasse den Raum, in dem außer uns beiden noch fünf weitere Patienten sitzen, um meine Wasserflasche aufzufüllen. Sie folgt mir. „Was hat er denn gesagt?“ Es bildet sich ein Kloß in meinem Hals. „Das mein Wert erhöht ist.“ „Du bist Schwanger?“ „Nicht mehr. Ich hab doch kurz vor dem Gespräch mit ihm meine Tage bekommen. Ich glaube, ich habe es verloren.“ Sie erstarrt und ihr Blick ist leer. Ihre Augen füllen sich mit Tränen und ihre Stimme zittert: „Du.. hast es verloren?“ Scheiße. Hör auf zu weinen. „Ja. Aber es ist nicht schlimm. Ich wollte es doch eh nicht behalten. Stell dir mich mal als Mutter vor. Ich möchte, sollte ich jemals Kinder haben, für sie nur das Beste. Und das kann ich ihnen nicht bieten.“ Jetzt kann ich ihnen nur eine Mutter mit gestörter Persönlichkeit, starkem Alkoholkonsum und ständig wechselnden Geschlechtspartnern anbieten. Ich weiß nicht, warum mich der Gedanke, dass ich mein Kind verloren haben könnte, so fertig macht. Vielleicht weil ich gehofft habe, dass ich mir die Symptome nur einbilde. Dass das alles nicht real ist. Aber der Test spricht Bände – und die höllischen Schmerzen, die ich hab, seit meine Blutung eingesetzt hat, sprechen ebenfalls dafür. In meiner Vorstellung laufe ich mit einem kleinen Jungen Hand in Hand durch die Stadt. Er sieht mich an und nennt mich „Mama“. Ich spüre die Liebe zwischen uns, dabei ist er nicht einmal hier. Miko, dritte Woche, Fehlgeburt.

29.12.17 20:38

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